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Neurologie

Migräne-Management im Fokus: Von Langzeitbegleitung zum strategischen Therapiewechsel

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Emma | Doctorflix
13.3.2026
5 min lesen

Hinweis: Die Inhalte auf Doctorflix sind ausschließlich für Ärzte und medizinisches Fachpersonal bestimmt. Sie dienen der fachlichen Fortbildung und sind nicht für Laien geeignet.

Migräne als chronische Herausforderung 

Die Migräne stellt in der neurologischen Praxis eine große therapeutische Herausforderung dar. Sie begleitet viele Patienten und Patientinnen über Jahrzehnte hinweg und kann sich im Verlauf verschiedener Lebensphasen deutlich verändern. In Deutschland liegt die 12-Monats-Prävalenz bei Frauen bei rund 14,8 % und bei Männern bei 6,0 %.1 2 

Trotz der hohen Prävalenz und der Verfügbarkeit von Therapieangeboten besteht in Deutschland weiterhin eine signifikante Unterversorgung.2 Ein zentrales Defizit ist die verzögerte Einleitung einer medikamentösen Prophylaxe. Für die behandelnde Ärzteschaft bedeutet dies, Migräne nicht als isoliertes Ereignis, sondern als chronische Erkrankung mit einem dynamischen Verlauf über verschiedene Lebensphasen hinweg zu verstehen. Ein frühzeitiger Therapiebeginn sowie die kontinuierliche Anpassung der Therapiestrategie an die jeweilige Lebensphase sind entscheidend, um den Behandlungserfolg langfristig zu sichern und dem Risiko einer Chronifizierung entgegenzuwirken.3 4  

Diagnostik und Klassifikation

Das Fundament jeder Migräne-Therapie ist die präzise Klassifikation nach den Kriterien der ICHD-3.5 Hierbei ist die Differenzierung zwischen episodischer und chronischer Migräne entscheidend: 

  • Episodische Migräne: Kopfschmerztage an < 15 Tagen/Monat 6 7
  • Chronische Migräne: Kopfschmerztage an ≥ 15 Tagen/Monat über einen Zeitraum von mehr als 3 Monaten, wobei an mind. 8 Tagen die typische Migräne-Charakteristik erfüllt sein muss4 6

Differenzialdiagnostik

Vor der Einleitung einer Langzeittherapie sind die Abgrenzung zum Spannungskopfschmerz und der Ausschluss eines Medikamentenübergebrauch-Kopfschmerzes (MOH) wichtig.5 7 Letzterer ist definiert durch eine Einnahme spezifischer Akutmedikation an ≥ 10 Tagen bzw. schmerzstillender Mittel an ≥ 15 Tagen pro Monat.5 7 8 9

Ein bestehender MOH kann die Attackenfrequenz paradoxerweise erhöhen und die Wirksamkeit präventiver Maßnahmen beeinträchtigen. Vor Einleitung oder Eskalation einer prophylaktischen Therapie sollte ein möglicher Medikamentenübergebrauch daher konsequent abgeklärt werden.7

Langzeitmanagement: Die Patient Journey 

Die Behandlung von Migräne erfordert eine kontinuierliche Begleitung über verschiedene Lebensphasen hinweg. Diagnostik, Therapieentscheidungen und individuelle Belastungsfaktoren können sich im Verlauf der Erkrankung deutlich verändern. Dieses Langzeitmanagement erfordert Strategien, die sich an veränderte Lebensumstände und Komorbiditäten anpassen.3 6

Ein wesentlicher Bestandteil ist die Einbeziehung multimodaler Ansätze. Psychologische Verfahren wie Entspannungstechniken und Verhaltenstherapie können die Attackenfrequenz signifikant reduzieren und die Selbstwirksamkeit stärken.7 10

Kasuistik I: Fokus auf die lebensphasenorientierte Versorgung 

Wie sich therapeutische Anforderungen über die Jahre verändern, kannst du in unserer interaktiven Kasuistik mitverfolgen. Hier begleitest du eine Patientin von den ersten Symptomen in der Jugend bis ins Erwachsenenalter. Vertiefe deine Expertise für eine präzise Diagnostik und eine ganzheitliche Therapiesteuerung in der CME-Fortbildung Migräne - Die Journey einer Patientin von jung auf mit Prof. Dr. med. Gudrun Goßrau.

2 CME

Migräne - Die Journey einer Patientin von jung auf

Migräne verstehen und gezielt behandeln: Ein detaillierter Leitfaden für die Praxis

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Prof. Dr. med. Gudrun Gossrau

Prof. Dr. med. Gudrun Goßrau

Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
Fächarztin für Neurologie

Strategischer Therapiewechsel bei Non-Respondern

Trotz leitliniengerechter Basistherapie erreicht ein signifikanter Teil der Patienten keine ausreichende Reduktion der Migränetage. Eine medikamentöse Prophylaxe gilt dann als unzureichend, wenn nach drei Monaten keine klinisch relevante Reduktion der monatlichen Migränetage erreicht wurde (typischerweise ≥50 % bei episodischer bzw. ≥30 % bei chronischer Migräne).4

Ein strategischer Therapiewechsel sollte in Betracht gezogen werden bei:

  • Mangelnder Response auf konventionelle Erstlinien-Therapeutika gemäß Leitlinie3 
  • Unverträglichkeit oder bestehende Kontraindikationen, die eine konsequente Durchführung der Therapie verhindern3 
  • Anhaltende Beeinträchtigung der Lebensqualität trotz multimodaler Ansätze3 

Moderne, zielgerichtete Therapieansätze für die Prophylaxe bieten hier eine klinisch relevante Alternative. Studien belegen, dass diese spezifischen Ansätze auch bei Patienten mit vorangegangenem Therapieversagen eine signifikante Reduktion der Migränetage bewirken können.7 10

Kasuistik II: Klinische Entscheidung beim Therapiewechsel 

Wie die Entscheidung für eine Therapieanpassung oder einen Therapiewechsel im klinischen Alltag getroffen wird, siehst du in dieser interaktiven Kasuistik. Begleite eine Patientin mit episodischer Migräne und trainiere den strukturierten Umgang mit Begleitsymptomen. Vertiefe dein Wissen in der Fortbildung Migräne - Therapiewechsel mit PD Dr. med. Charly Gaul. 

2 CME

Migräne - Therapiewechsel

Migräne verstehen und gezielt behandeln

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PD Dr. Charly Gaul

PD Dr. med. Charly Gaul

Gründer des Kopfschmerzzentrums
Frankfurt
Facharzt für Neurologie

Fazit

Die moderne Migräne-Therapie hat sich von der rein symptomatischen Akutbehandlung hin zu einem präventiven, lebensphasenorientierten Gesamtkonzept entwickelt. Für den klinischen Erfolg ist eine präzise diagnostische Einordnung der Erkrankung entscheidend, um Schweregrad und Verlauf der Migräne zu beurteilen und eine prophylaktische Therapie rechtzeitig einzuleiten.

Ein proaktives Management und die frühzeitige Aufklärung über das Risiko eines Medikamentenübergebrauchs sind zentrale Maßnahmen, um eine Chronifizierung der Erkrankung zu verhindern. Dabei bleibt die medikamentöse Therapie idealerweise stets in ein multimodales Konzept eingebettet, in dem psychologische Ansätze und Entspannungsverfahren die Selbstwirksamkeit stärken und die Migränetage nachhaltig senken. 

Literatur

1 Porst, M., Wengler, A., Leddin, J., Neuhauser, H., Katsarava, Z., Elena, V. D. L., Anton, A., Ziese, T. & Rommel, A. (2020). Migräne und Spannungskopfschmerz in Deutschland. Prävalenz und Erkrankungsschwere im Rahmen der Krankheitslast-Studie BURDEN 2020. Social Science Open Access Repository (GESIS – Leibniz Institute For The Social Sciences). https://doi.org/10.25646/6988.2

2 Diener, H., Nägel, S., Gaul, C. & Kropp, P. (2018). Migräne: Prophylaxe und Therapie. Deutsches Ärzteblatt. https://doi.org/10.3238/persneuro.2018.09.14.03

3 Diener H.-C., Förderreuther S., Kropp P., Reuter U. et al., Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne. (2025). DGN und DMKG, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Abgerufen am 11.03.26, von www.dgn.org/leitlinien

4 Deutsche Hirnstiftung, Deutsche Gesellschaft für Neurologie & Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e. V. (2025). Leitlinie Therapie der Migräne für Patientinnen und Patienten. In Leitlinie Therapie der Migräne für Patientinnen und Patienten. Abgerufen am 11.03.26, von https://hirnstiftung.org/wp-content/uploads/2025/09/DHS_Patientenleitlinie_Migraene_Stand-September-2025.pdf

5 Neeb, L. et al., Diagnostik und Therapie des Kopfschmerzes vom Spannungstyp. (2023). In: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Abgerufen am 11.03.26, von www.dgn.org/leitlininen

6 Fritsche, G., Kröner-Herwig, B., Kropp, P., Niederberger, U. & Haag, G. (2013). Psychologische Therapie der Migräne. Der Schmerz, 27(3), 263–274. https://doi.org/10.1007/s00482-013-1319-9

7 Diener H.-C., Kropp P. et al., Kopfschmerz bei Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln (Medication Overuse Headache = MOH). (2022). In: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.). Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Abgerufen am 11.03.26, von www.dgn.org/leitlinien

8 Evers, S., Fleischmann, R., Frank, F., Frese, A., Gaul, C., Gendolla, A., Goßrau, G., Holle-Lee, D., Tim, J., Kamm, K., Kraya, T., Ruscheweyh, R., Schankin, C. & Summ, O. (2024). Die Therapie „anderer primärer Kopfschmerzerkrankungen“. Nervenheilkunde, 43(11), 611–638. https://doi.org/10.1055/a-2357-5015

9 Minen, M. T., Seng, E. K., Friedman, B. W., George, A. D., Fanning, K. M., Bostic, R. C., Powers, S. W. & Lipton, R. B. (2025). Smartphone-Based Muscle Relaxation for Migraine in the Emergency Department. JAMA Network Open, 8(10), e2534221. https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2025.34221

10 Holle-Lee, D., Nägel, S. & Gaul, C. Therapie der Migräne. Nervenarzt 88, 929–941. (2017). https://doi.org/10.1007/s00115-017-0338-7