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Die überaktive Blase, im Englischen als Overactive Bladder oder kurz OAB bezeichnet, zählt zu den häufigsten Funktionsstörungen des unteren Harntrakts und betrifft in Deutschland schätzungsweise über 6 Millionen Menschen1. Für die klinische Praxis ist ein strukturiertes Vorgehen in Diagnostik und Therapie entscheidend, um die Symptomlast zu reduzieren und die Lebensqualität der Patientinnen zu verbessern.
Dieser Artikel gibt dir einen praxisnahen Überblick über die aktuelle Diagnostik sowie konservative, medikamentöse und interventionelle Therapieoptionen bei der OAB der Frau.
Was ist die überaktive Blase?
Die überaktive Blase ist ein Symptomkomplex, der durch imperativen Harndrang mit oder ohne Dranginkontinenz gekennzeichnet ist und häufig mit Pollakisurie (erhöhte Miktionsfrequenz am Tag) sowie Nykturie (nächtliches Wasserlassen) einhergeht, sofern keine Harnwegsinfektion oder andere Pathologie vorliegt2,3.
Umgangssprachlich wird die OAB häufig als Reizblase bezeichnet. Charakteristisch sind plötzlich auftretender Harndrang, häufige Toilettengänge sowie gegebenenfalls nächtliches Wasserlassen und Dranginkontinenz4.
Klinisch wird zwischen zwei Formen unterschieden:
- OAB dry: imperativer Harndrang ohne Dranginkontinenz
- OAB wet: imperativer Harndrang mit Dranginkontinenz2,5
Für die Praxis ist insbesondere die Abgrenzung zwischen idiopathischer und neurogener OAB relevant. Während in vielen Fällen eine idiopathische OAB vorliegt, tritt die neurogene OAB bei neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose, Morbus Parkinson oder nach einem Schlaganfall auf und kann ein anderes diagnostisches und therapeutisches Vorgehen erfordern2.
Prävalenz und klinische Bedeutung
Die überaktive Blase gehört zu den häufigsten Funktionsstörungen des unteren Harntrakts und stellt einen häufigen Vorstellungsgrund in der ambulanten Versorgung dar3.
Die Prävalenz in der erwachsenen Bevölkerung liegt bei etwa 11 bis 16 % und steigt mit zunehmendem Alter an6. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, wobei die Prävalenz mit dem Alter deutlich zunimmt7.
Die klinische Bedeutung der OAB geht weit über die rein körperlichen Beschwerden hinaus. Viele Betroffene erleben eine erhebliche Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität, die mit physischen, psychischen und sozialen Folgen einhergeht3,5.
Ursachen und Risikofaktoren
Die Ursachen der überaktiven Blase sind vielfältig und nicht immer eindeutig zuzuordnen. Symptome können durch unwillkürliche Kontraktionen des Blasenmuskels (Detrusor) oder durch eine gesteigerte sensorische Aktivität der Blase entstehen, bei der bereits bei geringer Blasenfüllung Harndrangsignale an das Gehirn gesendet werden5.
Diskutiert werden zudem Veränderungen der zentralen und peripheren Signalverarbeitung, die zu einem Ungleichgewicht zwischen erregenden und hemmenden Reizen führen können. Auch Veränderungen der Blasenwand sowie psychische Belastungen können zur Symptomatik beitragen5.
Wichtige Risikofaktoren:
- Alter: Zunahme der Prävalenz durch altersbedingte Veränderungen der Blasenfunktion4
- Östrogenmangel: assoziiert mit urogenitalen Veränderungen und LUTS (Lower Urinary Tract Symptoms) in der Postmenopause4
- Übergewicht: Erhöhter intraabdomineller Druck als möglicher Einflussfaktor8
- Schwangerschaft und Geburten: Veränderungen des Beckenbodens können das Risiko für Beschwerden des unteren Harndrangs erhöhen8
- Neurologische Erkrankungen: Multiple Sklerose, Morbus Parkinson oder ein Zustand nach Schlaganfall können eine neurogene OAB verursachen2
Zudem können Harnwegsinfektionen, Blasensteine, Tumore oder medikamentöse Einflüsse Symptome verursachen, die einer OAB ähneln oder sekundäre Formen bedingen, und sollten ausgeschlossen werden3.
Diagnostik
Die Diagnose der überaktiven Blase basiert primär auf der typischen Symptomatik und wird durch eine strukturierte Anamnese sowie den Ausschluss anderer Ursachen gestützt. Im Fokus stehen Art, Dauer und Ausprägung der Beschwerden sowie Begleiterkrankungen, Operationen, neurologische Vorerkrankungen und aktuelle Medikation1. Eine Urinanalyse zum Ausschluss eines Harnwegsinfekts gehört zur Basisdiagnostik. Bei Frauen sollte zusätzlich eine gynäkologische Untersuchung durchgeführt werden1,5.
Da die Symptome der OAB mit einer Vielzahl anderer Erkrankungen überlappen, ist eine sorgfältige Differentialdiagnostik essenziell. Wichtige Differentialdiagnosen umfassen Harnwegsinfektionen, interstitielle Zystitis, Harnblasenkarzinome, Urolithiasis, Stressharninkontinenz, diabetische Zytopathien sowie neurogene Blasenfunktionsstörungen2.
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Therapie
Ziel der Behandlung ist die Reduktion der Beschwerden und die Verbesserung der Lebensqualität. Die Behandlung erfolgt stufenweise und orientiert sich am individuellen Leidensdruck5.
Konservative Therapie
- Blasentraining zur Verlängerung der Miktionsintervalle9,10
- Beckenbodentraining idealerweise unter physiotherapeutischer Anleitung5
- Flüssigkeitsmanagement: gleichmäßige Flüssigkeitszufuhr von etwa 1,5 bis 2 L täglich. Koffein-, alkohol- und kohlensäurehaltige Getränke sollten bei symptomatischer Verschlechterung reduziert werden9
- Gewichtsreduktion bei Übergewicht9
- Biofeedback und Entspannungstechniken2,9
Medikamentöse Therapie
Bei unzureichender Symptomkontrolle durch konservative Maßnahmen kommen medikamentöse Therapieoptionen zum Einsatz. Verschiedene Wirkstoffgruppen können die Blasenmuskulatur entspannen und den Harndrang reduzieren. Bei postmenopausalen Frauen kann zusätzlich eine lokale Östrogentherapie erwogen werden5.
Digitale Therapieoptionen
Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) können die konservative Therapie unterstützen, insbesondere durch Training, Symptomdokumentation und Verhaltensinterventionen7,11.
Interventionelle Verfahren
Bei unzureichendem Ansprechen auf konservative und medikamentöse Maßnahmen stehen weitere Therapieoptionen zur Verfügung:
- Intravesikale Botulinumtoxin-Injektionen: wirksam zur Reduktion von Harndrang und Dranginkontinenz, regelmäßige Wiederholungsbehandlungen erforderlich3,5
- Sakrale Neuromodulation: etablierte Therapieoption mit guten Langzeitergebnissen3
- Perkutane tibiale Nervenstimulation (PTNS): minimalinvasives neuromodulatorisches Verfahren zur Behandlung therapierefraktärer Beschwerden2
Bei komplexen Verläufen sollte eine spezialisierte urologische oder urogynäkologische Abklärung erfolgen5.
Fazit
Die überaktive Blase ist ein häufiges Krankheitsbild mit relevanter Einschränkung der Lebensqualität. Entscheidend für die Versorgung ist ein strukturiertes diagnostisches Vorgehen mit gezielter Anamnese, konsequenter Differentialdiagnostik und einem individuell angepassten Therapiekonzept.
Das therapeutische Spektrum reicht von konservativen Maßnahmen über medikamentöse Optionen bis hin zu interventionellen Verfahren und digitalen Unterstützungsangeboten. Die Auswahl der Therapie sollte sich am klinischen Bild, dem Leidensdruck und den individuellen Voraussetzungen der Patientin orientieren.
Nachweise
1 Gilewski, M. (2024). Was versteht man unter einer Reizblase (überaktike Blase)? Abgerufen am 04.06.26, von https://www.tk.de/techniker/krankheit-und-behandlungen/erkrankungen/behandlungen-und-medizin/gynaekologische-und-urologische-erkrankungen/was-versteht-man-unter-einer-reizblase-ueberaktive-blase-2017304
2 Gehring, W. (2025). Reizblase (überaktive Blase, OAB) - Klassifikation. Abgerufen am 04.06.26, von https://www.gesundheits-lexikon.com/Nieren-Harnblase-Harnroehre/Reizblase-ueberaktive-Blase-OAB/Klassifikation
3 DGGG, OEGGG & SGGG. (2021). Leitlinienprogramm. Harninkontinenz der Frau. [Leitlinienprogramm]. Abgerufen am 04.06.26, von https://register.awmf.org/assets/guidelines/015-091l_S2k_Harninkontinenz-der-Frau_2022-03.pdf
4 AOK Gesundheitsmagazin. (2025). So schützt ein starker Beckenboden vor Blasenschwäche. Abgerufen am 04.06.26, von https://www.aok.de/pk/magazin/koerper-psyche/organe/so-schuetzt-ein-starker-beckenboden-vor-blasenschwaeche/
5 Bujard, M. (2025). Überaktive Blase. Abgerufen am 04.06.26, vonhttps://deximed.de/home/klinische-themen/niere-harnwege/patienteninformationen/harninkontinenz/ueberaktive-blase
6 Uniklinik RWTH Aachen. (o.D.) Überaktive Blase. Abgerufen am 04.06.26, von https://www.ukaachen.de/kliniken-institute/klinik-fuer-urologie-und-kinderurologie/fuer-patienten/erkrankungen/blase/ueberaktive-blase/
7 Haferkamp, A., Frey, L., Duwe, G. et al. (2025). App-based therapy for female patients with urinary incontinence in Germany (DINKS): a single-blind, randomised, controlled trial.
The Lancet Digital Health, 7(12).
8 Tahra, A., Bayrak, Ö. & Dmochowski, R. (2022). The Epidemiology and Population-Based Studies of Women with Lower Urinary Tract Symptoms: A Systematic Review. Urology Research And Practice, 48(2), 155–165. https://doi.org/10.5152/tud.2022.21325
9 Urologische Stiftung Gesundheit. (2024). Besser leben mit überaktiver Blase. Abgerufen am 04.06.26, https://urologische-stiftung-gesundheit.de/besser-leben-mit-ueberaktiver-blase/
10 Antwerpes et al. (2025). Überaktive Blase. Abgerufen am 04.06.26, von https://flexikon.doccheck.com/de/%C3%9Cberaktive_Blase
11 BfArM. (o.D.). DiGA-Verzeichnis. Abgerufen am 11.06.26 von https://diga.bfarm.de/de/verzeichnis
